Eine Erinnerung, die ich jahrelang nicht aufschreiben konnte

Es gibt Erinnerungen, die stehen sofort vor uns. Wir brauchen nur die Augen zu schließen und sie sind da.
Mit Bildern, mit Stimmen oder mit Gerüchen. Fast so, als wären sie erst gestern passiert.

Und dann gibt es andere Erinnerungen. Sie zeigen sich nur ganz vorsichtig. Manchmal über viele Jahre hinweg
klopfen sie leise an und verschwinden wieder. Früher dachte ich, ich müsste sie festhalten, sobald sie auftauchten
und hatte Angst, sie könnten wieder verschwinden.

Heute sehe ich das anders:
Ich glaube, Erinnerungen haben ihr eigenes Tempo. Und manchmal ist das größte Geschenk, das wir ihnen machen
können, Geduld. Auch ich kenne eine Erinnerung, die mich viele Jahre begleitet hat.
Sie war nicht laut oder aufdringlich, sie war einfach immer wieder da. Wie ein Gast, der kurz an die Tür klopft und dann weitergeht.

Jedes Mal dachte ich: „Heute noch nicht.“

Mir wurde während meiner ersten Schreibzeit irgendwann klar, dass diese Erinnerung eine wichtige Rolle in meinem Schreibprozess spielen würde, aber ich spürte, dass ich ihr noch nicht wirklich begegnen konnte. Anfangs verstand ich das nicht und hielt es für ein Scheitern.
Heute weiß ich: Es war Vertrauen. Mein Inneres wusste längst, dass diese Erinnerung wichtig war. Aber es wusste auch, dass sie Zeit brauchte.

Vielleicht kennst du das. Es gibt Geschichten, die du sofort erzählen kannst. Und andere, bei denen dir schon beim Gedanken daran der Atem ein wenig stockt, weil sie tiefer reichen, als dir lieb ist. Ich glaubte, genau diese Erinnerungen zuerst aufschreiben zu müssen. Heute würde ich niemandem dazu raten, nicht einmal mir selbst.

Autobiografisches Schreiben bedeutet für mich nicht,
möglichst schnell an die schwierigsten Stellen zu gelangen.

Es bedeutet, der eigenen Geschichte mit Respekt zu begegnen.
Und Respekt heißt manchmal auch: Heute noch nicht.

Dieser Satz war für mich lange eine Enttäuschung. Heute ist er eine Form von Fürsorge. Denn Erinnerungen lassen sich nicht ziehen. Sie möchten eingeladen werden und wenn sie merken, dass sie willkommen sind, kommen sie oft ganz von allein. Nicht immer dann, wenn wir sie erwarten. Aber erstaunlich oft genau dann, wenn wir bereit sind.

Nicht jede Erinnerung möchte sofort aufgeschrieben werden.

Mit den Jahren habe ich etwas gelernt, das ich mir zu Beginn meines eigenen Schreibweges sehr gewünscht hätte zu wissen. Nicht jede Erinnerung möchte sofort aufgeschrieben werden. Und das ist kein Zeichen dafür, dass du nicht bereit bist. Es ist oft ein Zeichen dafür, dass deine Geschichte gut auf sich aufpasst. Früher habe ich das missverstanden. Ich dachte, ich müsste mutiger sein. Konsequenter. Disziplinierter. Heute weiß ich, dass es etwas viel Wertvolleres gibt als Disziplin. Vertrauen.

Vertrauen darauf, dass unsere Erinnerungen ihren eigenen Rhythmus kennen. Wenn wir autobiografisch schreiben, öffnen wir eine Tür. Aber wir bestimmen nicht, wer als Erstes hindurchgeht. Manchmal erscheint eine Kindheitserinnerung, ein Gespräch oder auch nur ein einziges Bild. Manchmal bleibt es ganz still. Auch das gehört dazu. Diese Stille ist nicht leer, sie arbeitet und sammelt und bereitet etwas vor.

Erinnerungen mögen keine Eile

Ich habe oft erlebt, dass eine Erinnerung, die sich monatelang nicht zeigen wollte, plötzlich von ganz alleine wie ganz selbstverständlich da war, weil ich aufgehört hatte, sie festhalten zu wollen.

Vielleicht kennst du das auch aus anderen Bereichen des Lebens.

Manchmal fällt uns eine Antwort genau dann ein, wenn wir aufgehört haben, krampfhaft nach ihr zu suchen.
Mit Erinnerungen ist es oft ähnlich. Sie mögen keine Eile, sie mögen Aufmerksamkeit. Deshalb lade ich Frauen in meinen Begleitungen auch nicht dazu ein, möglichst viel zu schreiben. Ich lade sie dazu ein, wahrzunehmen, zu beobachten und zu lauschen.

Denn Schreiben beginnt nicht erst mit dem Stift in der Hand.

Es beginnt oft schon viel früher, zum Beispiel: in einem Gedanken, in einem Traum, in einem Lied, das plötzlich eine längst vergessene Szene zurückbringt. Oder in dem Duft eines Kuchens, der uns mit einem Schlag wieder an den Küchentisch unserer Kindheit setzt. Ich finde diese Momente bis heute faszinierend. Sie zeigen mir, dass Erinnerungen nichts Starres sind. Sie sind lebendig, sie bewegen sich. Und sie verbinden sich miteinander.

Und manchmal führen sie uns zu einer Geschichte, von der wir gar nicht wussten, dass sie erzählt werden möchte.
Deshalb glaube ich nicht daran, Erinnerungen zu erzwingen. Ich glaube daran, ihnen einen sicheren Ort anzubieten.
Einen Ort, an dem sie auftauchen dürfen, ohne jede Erwartung, ohne Zeitdruck und ohne das Gefühl, sofort etwas leisten zu müssen.

Vielleicht ist genau das der wichtigste Raum, den wir unserer Geschichte schenken können. Kein Raum voller Vorgaben und Regeln, dafür ein Raum voller Vertrauen. Denn dort geschieht etwas Wunderbares. Erinnerungen müssen sich nicht mehr verstecken und dürfen langsam sichtbar werden. Und genau in diesem Tempo entsteht oft das ehrlichste Schreiben.

Vielleicht ist das einer der schönsten Gedanken, die mich auf meinem eigenen Weg begleitet haben:

Erinnerungen kommen nicht zu spät. Sie kommen, wenn wir bereit sind, ihnen zuzuhören.

Vielleicht liegt gerade darin eine der größten Herausforderungen des autobiografischen Schreibens.

Wir leben in einer Welt, in der vieles schneller geworden ist. Schneller arbeiten, schneller entscheiden, schneller Ergebnisse sehen. Und dann setzen wir uns mit unserer Geschichte an den Schreibtisch und hoffen, dass sie sich genauso verhält.

Doch Geschichten kennen keine Eile und sie folgenauch keinem Zeitplan. Sie lassen sich nicht beschleunigen. Geschichten schenken sich uns, manchmal leise oder überraschend und manchmal erst nach langer Zeit. Ich habe gelernt, diese Geduld nicht mehr als Hindernis zu sehen, sondern als Teil des Weges.

Denn wenn wir Erinnerungen Zeit geben, erzählen sie uns oft mehr, als wir ursprünglich erwartet haben. Sie sprechen über das Erlebte und auch darüber, was es mit uns gemacht hat. Genau dort beginnt für mich autobiografisches Schreiben, im Verstehen des eigenen Lebens und nicht im Sammeln von Erlebnissen.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich meine Arbeit heute nicht als als ein Coaching im Schreiben verstehe. Ich begleite Frauen dabei, ihrer eigenen Geschichte zu begegnen. Mit Offenheit und Respekt ohne den Anspruch, dass heute schon alles erzählt werden muss. Denn manche Erinnerungen möchten zuerst angesehen werden. Andere möchten ausgesprochen werden und wieder andere brauchen einfach noch etwas Zeit.

Auch das ist Schreiben. 

Es geschieht nicht nur in den Momenten, in denen Worte auf Papier entstehen. Es geschieht oft schon lange vorher in der Bereitschaft, sich selbst zuzuhören. In dem Mut, einer Erinnerung nicht auszuweichen oder in der Entscheidung, sie heute noch ruhen zu lassen. Beides darf sein.

Ich wünsche mir, dass Frauen genau das erleben dürfen. Dass sie nicht gegen ihre Geschichte arbeiten, sondern mit ihr. Dass sie nicht versuchen, Erinnerungen festzuhalten, sondern ihnen einen Ort schenken, an dem sie sich zeigen dürfen.

Deswegen ist der geschützte Raum, von dem ich so oft spreche kein Raum, in dem Leistung erwartet wird. Viel eher ist es ein Raum, in dem Vertrauen wachsen darf. Vertrauen in die eigene Geschichte, Vertrauen in den eigenen Rhythmus und Vertrauen darauf, dass das Wesentliche seinen Weg findet, genau dann, wenn es bereit ist.

Für deine Schreib- und Geschichtenzeit:

Vielleicht gibt es eine Erinnerung, die sich immer wieder leise zeigt.

Du musst sie heute nicht aufschreiben. Du musst sie nicht einmal verstehen. Vielleicht genügt es, ihr einen Platz zu geben.

Setz dich für ein paar Minuten mit einer Tasse Tee oder Kaffee an deinen Lieblingsplatz.

Schließe für einen Moment die Augen.

Und frage dich ganz behutsam:

Welche Erinnerung möchte heute einfach nur da sein?

Ohne die Erwartung, dass daraus sofort eine Geschichte entstehen muss. Manchmal beginnt Vertrauen genau dort.

Wenn du dir einen geschützten Raum wünschst, in dem deine Erinnerungen in ihrem eigenen Tempo sichtbar werden dürfen, begleite ich dich gerne ein Stück auf diesem Weg.

In meiner achtwöchigen Einzelbegleitung geht es nicht darum, möglichst schnell viele Seiten zu füllen. Es geht darum, deiner Geschichte mit Achtsamkeit zu begegnen und ihr den Raum zu schenken, den sie braucht.
Denn ich bin überzeugt:

 

Jede Geschichte beginnt lange, bevor das erste Wort geschrieben wird.

Und manchmal beginnt sie mit einer Erinnerung, die sich erst dann zeigt, wenn sie spürt, dass sie willkommen ist.

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