Es gibt Momente, die lassen sich nicht planen und sie kommen ganz unvermittelt, während du im Auto sitzt oder gerade die Küche aufräumst.
Vielleicht hörst du im Radio ein Lied, das du seit Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen hast. Und plötzlich geschieht etwas,
wenn die ersten Töne erklingen. Noch bevor der Text beginnt, bist du nicht mehr ganz im Hier und Jetzt. Du bist wieder dort,
nicht nur mit deinen Gedanken, dein ganzes Gefühl ist mit von der Partie.
Genau das passiert mir manchmal, wenn ich Musik aus den achtziger Jahren höre. Es reichen oft nur wenige Sekunden,
dann bin ich wieder die junge Manuela. Ich erinnere mich nicht zuerst an ein bestimmtes Ereignis, es ist eher ein Gefühl, das in mir aufploppt und auch die Erinnerung an eine bestimmte Zeit voller Hoffnung und Sehnsüchte. Das Mädchen, das ich damals war ist wieder present.
Wenn dann Lieder wie „Ein weißes Schiff“ von Nena oder „Jenseits von Eden“ von Nino de Angelo erklingen, geschieht etwas Interessantes.
Diese Musik erzählt mir nichts Neues
und doch öffnet sie eine Tür. Ganz leise und ohne Drama, so wie früher. Ich glaube, Musik besitzt eine besondere Sprache und
spricht nicht zuerst unseren Verstand an, sondern unser Erinnern.
Vielleicht kennst du das auch: Du hörst ein Lied und plötzlich weißt du wieder genau, wie sich ein bestimmter Sommer angefühlt hat.
Du erinnerst dich sofort an den Duft der Luft, an einen Blick, an eine Autofahrt, an einen Menschen.
Du hast das ganz bestimmt nicht vorgenommen oder wolltest dich bewusst daran erinnern, aber das Lied hielt den Schlüssel in der Hand.
Ich finde diesen Gedanken bis heute faszinierend, denn für uns, die wir autobiografisch unsere Geschichte schreiben finde ich ihn sehr wertvoll.
Wir müssen unsere Erinnerungen nicht suchen, manchmal finden sie uns, einfach so und völlig überraschend, und manchmal
wählen sie dafür einen Weg, mit dem wir nie gerechnet hätten.
Ein Lied, ein Klang, ein paar Takte. Mehr braucht es oft nicht.
Gewusst habe ich das damals nicht. Ich habe immer gedacht, Erinnerungen würden vor allem in unserem Kopf leben.
Doch seit ich vor ein paar Jahren den Weg mit meiner eigenen autobiografischen Geschichte gegangen bin, werde ich immer
überzeugter davon, dass unsere Erinnerungen an viel mehr Orten zuhause sind.
Zum Beispiel in:
- in Musik,
- in Gerüchen,
- in Farben,
- in Dialekten,
- in einem Licht, das plötzlich genauso durch ein Fenster fällt wie vor vielen Jahren.
Vielleicht ist Erinnern deshalb viel weniger ein Nachdenken, sondern eher ein Wiederbegegnen. Und genau das liebe ich am autobiografischen Schreiben, denn ich muss Erinnerungen nicht festhalten. Ich darf ihnen begegnen, wenn sie sich zeigen. So, wie alten Freunden, die plötzlich wieder vor der Tür stehen. Sie tauchen auf, auch wenn wir nicht verabredet sind und trotzdem öffne ich ihnen die Tür, weil sie es wert sind, dass ich meine Zeit gerne mit ihnen verbringe.
Ein Lied – Musik erinnert uns nicht nur an Ereignisse.
Sie erinnert uns daran, wer wir einmal waren, auch wenn sich der Blick auf das eigene Leben vielleicht schon verändert hat. Ich glaube, darin liegt ihre besondere Kraft.
Wenn ich heute eines dieser Lieder aus den achtziger Jahren höre, sehe ich nicht nur Bilder vor mir. Ich begegne einem Teil meines Lebens: der jungen Manuela mit ihren Träumen, ihren Fragen, ihrer Sehnsucht und manchmal auch mit ihrer Unsicherheit. Und diese Begegnung(en)gehören eben auch zu meiner Geschichte.
Vielleicht ist genau das einer der schönsten Momente beim autobiografischen Schreiben, wir begegnen nicht nur Erinnerungen, wir begegnen uns selbst und ich glaube:
Wir alle tragen solche kleinen Zeitkapseln in uns.
Ein Lied, ein Duft, ein Geschmack, ein Geräusch und plötzlich ist für einen Augenblick etwas wieder da, was wir längst vergessen glaubten. Oft genügt genau dieser Augenblick, denn Erinnerungen müssen nicht vollständig sein, um wertvoll zu sein. Manchmal schenken sie uns nur einen einzigen Satz, ein Bild oder ein Gefühl. Und genau daraus beginnt eine Geschichte zu wachsen.
Deshalb frage ich Frauen in meinen Begleitungen nur selten: „Woran erinnerst du dich?“
Viel lieber frage ich: „Was hat sich heute an dich erinnert?“
Ich finde, darin liegt ein großer Unterschied. Die erste Frage verlangt nach einer Antwort, die zweite lädt zum Entdecken ein. Vielleicht war es heute ein Lied, morgen ist es der Duft eines Apfelkuchens oder das Knarren einer alten Holztreppe. Vielleicht fällt dein Blick auf eine Tasse, die schon immer in der Küche deiner Eltern stand. Und plötzlich ist sie wieder da, nicht nur die Tasse, sondern gleich das ganze Gefühl, das mit ihr verbunden ist.
Ich finde diese Momente mittlerweile so kostbar, weil sie so unscheinbar beginnen und nicht laut anklopfen. Sie setzen sich einfach leise neben uns, fast so, als wollten sie fragen: „Hast du einen Moment Zeit?“
Vielleicht ist das der Grund, warum ich Erinnerungen nie dränge. Ich glaube, sie wissen selbst am besten, wann sie bereit sind. Und wenn wir ihnen zuhören, erzählen sie oft viel mehr, als wir erwartet hätten. Nicht nur über unsere Vergangenheit, sondern auch über die Frau, die wir heute sind.
Denn zwischen damals und heute liegt ein ganzes Leben.
Und genau dieses Leben schenkt unseren Erinnerungen eine neue Bedeutung. Vielleicht verändert sich deshalb eine Erinnerung jedes Mal ein wenig, wenn wir ihr wieder begegnen, denn auch wir haben uns in der Zwischenzeit wieder ein Stück mehr verändert. Und ich finde diesen Gedanken unglaublich tröstlich.
Denn er bedeutet: Unsere Geschichte wächst mit uns, beim Schreiben und beim Erinnern.
Seit ich autobiografisch schreibe, höre ich Musik anders.
Früher war sie einfach da und begleitete meinen Alltag. Heute weiß ich, dass sie viel mehr kann. Sie trägt Erinnerungen in sich, nicht wie ein Foto, das einen einzigen Augenblick festhält. Sondern wie ein Schlüssel, der eine Tür öffnet.
Und hinter dieser Tür wartet oft etwas, womit ich gar nicht gerechnet habe. Es ist nicht immer gleich das Große, Geheimnisvolle oder gar Spektakuläre. Nein, manchmal ist es nur ein Gefühl, manchmal ein Lächeln, ein Hauch von Wehmut oder die Erinnerung an einen Menschen, der mich ein Stück meines Lebens begleitet hat.
Früher hätte ich versucht, diese Erinnerung sofort festzuhalten. Heute bleibe ich einen Moment länger bei ihr und lasse sie da sein ohne sie festzuhalten bzw. festzuschreiben. Denn ich habe gelernt, dass Erinnerungen sich nicht gerne drängen lassen. Sie erzählen von selbst weiter, wenn wir bereit sind, ihnen zuzuhören.
Der Beginn jeder autobiografischen Geschichte
Das Innehalten und das Zuhören. Der Moment, in dem wir uns erlauben, einer Erinnerung noch ein wenig länger zuzuhören ohne sofort nach Worten zu suchen. Denn Worte kommen oft später, zuerst kommt das Gefühl. Und vielleicht ist genau dieses Gefühl der eigentliche Anfang.
Wenn ich heute Frauen begleite, wünsche ich ihnen nicht zuerst den Mut zum Schreiben. Ich wünsche ihnen die Gelassenheit, ihren Erinnerungen zu vertrauen. Dass sie kommen dürfen und auch wieder gehen dürfen. Und dass sie oft genau dann zurückkehren, wenn wir sie am wenigsten erwarten.
Denn Erinnerungen haben ihre eigene Sprache.
Manchmal genügt ein einziger Augenblick, um uns daran zu erinnern, dass unsere Geschichte längst in uns lebt. Vielleicht müssen wir sie gar nicht suchen. Vielleicht wartet sie nur darauf, dass wir einen Moment still werden.
Für deine Schreib- und Geschichtenzeit:
Nimm dir in den nächsten Tagen ein paar Minuten Zeit. Suche dir ein Lied aus deiner Jugend oder aus einer Zeit, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist. Höre es ganz bewusst, nicht nebenbei oder während du etwas anderes erledigst. Nur dieses Lied.
Und dann frage dich: Welche Erinnerung hat gerade leise an deine Tür geklopft?
Schreibe nicht sofort eine ganze Geschichte. Vielleicht genügt heute ein Satz. Oder nur ein einziges Wort.
Vertraue darauf, dass Erinnerungen ihren eigenen Weg kennen.
Wenn du dir einen geschützten Raum wünschst, in dem Erinnerungen auftauchen dürfen, ohne dass sie bewertet
oder festgehalten werden müssen, begleite ich dich gerne.
In meiner achtwöchigen Einzelbegleitung geht es nicht darum, möglichst schnell viele Seiten zu schreiben.
Es geht darum, deiner Geschichte aufmerksam zu begegnen, in deinem Tempo und mit dem Vertrauen,
dass sie sich zeigen wird, wenn sie bereit ist.
Denn ich glaube von Herzen:
Jede Geschichte beginnt lange, bevor das erste Wort geschrieben wird.
Und manchmal beginnt sie mit einem Lied, das uns plötzlich daran erinnert, wer wir einmal waren.
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