Ich dachte lange, mir fehlt die Zeit zum Schreiben

Es gab eine Zeit, da war mein Tag bis auf die Minute verplant. Mein Wecker klingelte morgens um halb sieben. Ich machte mich fertig, fuhr zur Arbeit und war von acht bis halb fünf im Büro. Wenn ich gegen halb sechs nach Hause kam, war der Tag gefühlt schon vorbei. Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Man funktioniert. Man erledigt, was erledigt werden muss. Und irgendwann sitzt man auf dem Sofa und denkt: „Heute nicht mehr.“

So ging es mir sehr lange und doch gab es da diesen einen Wunsch, der sich nicht einfach verabschieden wollte. Ich wollte schreiben und aus dem „Irgendwann“, dem „Wenn ich Rentnerin bin“ oder dem „Wenn endlich mehr Zeit da wäre“ zumindest ein Vielleicht machen. Ich wollte einfach meine Geschichte aufschreiben. Trotzdem vergingen die Tage, Wochen und manchmal auch Monate, ohne dass ein einziges neues Wort entstand. Damals war ich überzeugt, dass ich genau wusste, woran es lag.

Mir fehlte einfach die Zeit.

Diese Erklärung klang für mich vernünftig, schließlich arbeitete ich Vollzeit, mein Arbeitstag begann um acht Uhr und endete offiziell um halb fünf. Zuhause warteten zwar keine spektakulären Verpflichtungen auf mich, aber wie bei vielen Menschen war die Energie am Abend einfach aufgebraucht.

Aber ich hatte auch das Glück, regelmäßig Kurse für kreatives Schreiben an der Volkshochschule besuchen zu können, was ich meist direkt nach der Arbeit tat. Dort war ich umgeben von Menschen, die ebenfalls schrieben. Das inspirierte mich sehr, und trotzdem nahm ich oft dieselbe Frage mit nach Hause:

Warum schaffe ich es nicht, dranzubleiben?

Heute weiß ich, dass ich mir damals die falsche Frage gestellt habe. Es ging gar nicht darum, warum ich keine Zeit hatte, es ging darum, warum meine Geschichte in meinem Alltag keinen festen Platz hatte. Diesen Unterschied habe ich erst viel später verstanden.

Am Anfang versuchte ich nämlich genau das, was wahrscheinlich viele Frauen versuchen. Ich schrieb dann, wenn alles andere erledigt war. Am Abend nach einem langen Arbeitstag. Genau in den Stunden, in denen mein Kopf eigentlich nur noch Ruhe wollte. Manchmal funktionierte das ganz gut aber oft aber saß ich vor dem leeren Blatt und dachte nur: „Ich bin zu müde.“

Und ehrlich gesagt stimmte das auch. Nicht jede Geschichte möchte um zehn Uhr abends geschrieben werden. Es gab einen Abend, an den ich mich bis heute erinnere. Ich war sehr müde. So müde, dass ich eigentlich direkt ins Bett gehen wollte. Der Gedanke zu schreiben fühlte sich fast wie eine zusätzliche Aufgabe an. Trotzdem setzte ich mich noch für einen Moment an meinen kleinen Schreibtisch in meiner Schreibwerkstatt im Wohnzimmer. Nicht mit dem Vorsatz, ein Kapitel zu schreiben und auch nicht mit dem Ziel, besonders produktiv zu sein. Ich wollte nur ein paar Zeilen festhalten. Mehr nicht und es waren wirklich nur wenige Sätze. Am nächsten Morgen las ich sie noch einmal. Und plötzlich wusste ich:

Diese paar Zeilen haben mir geholfen, den Faden nicht zu verlieren. Nicht die Menge war entscheidend gewesen. Es hatte sich eine Verbindung zu meiner Geschichte entwickelt. Zum ersten Mal ahnte ich, dass vielleicht gar nicht die Zeit mein größtes Hindernis war.

Vielleicht fehlte etwas ganz anderes.

An diesem Morgen habe ich etwas verstanden, das mich bis heute begleitet. Es waren nicht diese paar Zeilen, die etwas verändert hatten. Es war die Entscheidung, meiner Geschichte trotz eines vollen Lebens einen Platz zu geben.

Ich glaube, wir suchen oft nach der großen Lösung. Ein freies Wochenende, die nächsten Ferien oder der nächste Urlaub oder den Zeitpunkt, an dem endlich weniger Arbeit auf dem Schreibtisch liegt. Ich habe lange genauso gedacht. Doch das Leben hat selten auf mich gewartet. Es blieb voll und lebendig. Und genau deshalb hätte ich wahrscheinlich auch in einem Jahr noch gesagt: „Im Moment passt es einfach nicht.“
Irgendwann habe ich aufgehört, auf mehr Zeit zu warten. Stattdessen habe ich mich gefragt:

Wann gehört meine Geschichte eigentlich zu meinem Tag?

Diese Frage hat alles verändert. Nicht gleich sofort und auch nicht sehr spektakulär. Aber ziemlich nachhaltig. Ich begann, früher aufzustehen. Anfangs klappte es nicht jeden Morgen, aber mit der Zeit wurde es einfacher und  Aus halb sieben abends wurde fünf Uhr morgens.

Während draußen noch alles still war, saß ich mit einer Tasse Tee in meiner kleinen Schreibwerkstatt im Wohnzimmer. Diese zwei Stunden gehörten niemand anderem, keinem Termin, keiner E-Mail, keiner To-do-Liste. Nur meiner Geschichte. Und weißt du, was das Überraschende war? Nein, ich schrieb nicht plötzlich doppelt so viel, Manchmal entstanden nur ein paar Absätze, manchmal nur eine Erinnerung. Manchmal notierte ich lediglich einen Gedanken, den ich später wieder aufgreifen wollte. Aber ich blieb verbunden.

Heute glaube ich, dass genau das der entscheidende Unterschied war. Die Anzahl der Seiten und die Wortzahl waren dafür nicht wichtig, dafür die Beziehung zu meiner Geschichte um so mehr. Sie bekam einen festen Platz in meinem Alltag.

Und plötzlich musste ich nicht jedes Mal wieder von vorne anfangen.

Kennst du das? Du hast eine Idee. Sie begleitet dich den ganzen Tag. Aber weil keine Zeit ist, schiebst du sie auf morgen. Am nächsten Tag ist sie schon ein wenig leiser geworden. Und irgendwann fragst du dich, warum sie ganz verschwunden ist.

Ich glaube nicht, dass Geschichten verschwinden. Ich glaube, sie warten geduldig und manchmal auch jahrelang. Sie drängen uns nicht und warten einfach, bis wir ihnen wieder zuhören. Deshalb glaube ich heute auch nicht mehr, dass Zeit das eigentliche Problem ist. Zeit finden wir für vieles. Für Termine, für Einkäufe, für andere Menschen etc. Die eigentliche Frage lautet:

Welchen Platz bekommt deine Geschichte in deinem Leben?

Es müssen keine langen Abende sein und auch nicht viele Stunden am Stück. Nur regelmäßig genug, damit sie weiß: „Ich habe dich nicht vergessen.“

Vielleicht liest du diesen Artikel gerade zwischen zwei Terminen. Vielleicht sitzt du mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch, bevor dein Tag beginnt. Oder du hast ihn am Abend geöffnet, obwohl du eigentlich schon müde bist. Dann möchte ich dir etwas sagen:
Ich glaube nicht, dass deine Geschichte darauf wartet, dass dein Leben endlich ruhiger wird. Denn das Leben hat seine eigene Art, sich immer wieder zu füllen. Mit Arbeit, Verpflichtungen und mit Dingen, die wichtig sind. Und manchmal auch mit Dingen, die einfach nur laut sind. Wenn wir darauf warten, dass irgendwann alles erledigt ist, wird unsere Geschichte immer wieder nach hinten rücken.

Sie wird sich nicht zwischen all die anderen täglichen Verpflichtungen drängen, Geschichten sind geduldig. Sie schicken uns keine Erinnerungen und fordern nichts ein. Sie warten einfach und vielleicht ist genau das ihre größte Stärke. Und vielleicht liegt darin auch ihre größte Gefahr. Denn was geduldig wartet, wird leicht übersehen. Heute weiß ich, dass ich meine Geschichte nicht geschrieben habe, weil ich plötzlich mehr Zeit hatte. Ich habe sie geschrieben, weil ich irgendwann beschlossen habe, ihr einen festen Platz in meinem Leben zu geben. Nicht täglich und meist auch nicht über viele Stunden am Stück und schon gar nicht perfekt, aber immer wieder.

Rückblickend waren es nicht die langen Schreibtage,

die mein Manuskript entstehen ließen. Es waren die vielen kleinen Begegnungen mit meiner Geschichte: ein Gedanke am frühen Morgen, ein Absatz vor der Arbeit, ein paar Zeilen an einem Abend, an dem ich eigentlich längst schlafen wollte. Jede dieser kleinen Begegnungen sagte meiner Geschichte: „Ich komme wieder.
Vielleicht ist das der Satz, den wir unseren Geschichten viel öfter sagen sollten.
Wenn aus „Heute muss ich unbedingt weiterschreiben“ ein „Ich komme wieder“ wird, kann genau daraus das Vertrauen entstehen, in das Schreiben und auch in uns selbst.

Wenn Frauen zu mir kommen und sagen: „Ich habe einfach keine Zeit“ , dann glaube ich ihnen. Natürlich, denn ein voller Alltag ist real, eine Vollzeitstelle ist real und auch Erschöpfung und vieles andere ist real. Und trotzdem frage ich irgendwann ganz behutsam:

Welchen Platz hat deine Geschichte im Moment in deinem Leben?

Es ist meine Einladung. Denn manchmal verändert eine einzige Frage mehr als zehn gute Ratschläge. Vielleicht beantwortest du sie heute noch nicht oder vielleicht braucht sie Zeit. Auch das ist in Ordnung.

Für deine Geschichtenzeit

Nimm dir heute fünf Minuten. Nicht, um zu schreiben, sondern um deiner Geschichte zuzuhören. Vielleicht gibt es eine Erinnerung, die sich in den letzten Tagen immer wieder gezeigt hat. Vielleicht taucht ein Bild auf, ein Geruche, ein Satz, ein Ort. Schreibe ihn auf, nicht mehr und nicht weniger, nur damit deine Geschichte weiß:

„Ich habe dich gesehen.“

 

Wenn du spürst, dass du deiner Geschichte einen festen Platz geben möchtest, sie aber nicht allein tragen möchtest, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg.  In meiner Einzelbegleitung entsteht ein geschützter Raum, in dem Schreiben geschehen darf – in deinem Tempo, mit deiner Geschichte und ohne Druck.

Denn ich bin überzeugt:

„Jede Geschichte beginnt lange, bevor das erste Wort geschrieben wird.“

 

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