Ich erinnere mich nicht mehr an den ersten Satz, den ich jemals geschrieben habe, weil er für mich heute keine Bedeutung mehr hat. Damals allerdings dachte ich, er müßte perfekt sein und ich bildete mir ein, der erste Satz würde darüber entscheiden, ob ich wirklich schreiben könnte. Ob meine Geschichte lesenswert wäre und ob ich überhaupt das Recht hätte, sie zu erzählen.
Mein erster Satz war nicht gut, und genau das war wichtig.
Also tat ich etwas, das viele Menschen tun. Ich dachte nach, formulierte um und begann. Dann löschte ich alles und begann wieder von vorne. Und irgendwann schrieb ich gar nichts mehr. Ich hatte diesen vermeintlich wichtichtigen ersten Satz mit einer Aufgabe belastet hatte, die er niemals erfüllen konnte. Er sollte alles auf einmal sein: der perfekte Einstieg, im richtigen Ton und schlussendlich der Beginn einer Geschichte, die viele Jahre meines Lebens umfasste.
Heute schmunzel ich darüber, aber damals war das meine Realität. Denn je länger ich nach dem richtigen Anfang suchte, desto weiter entfernte ich mich vom eigentlichen Schreiben.
Vielleicht kennst du das. Du hast ein leeres Blatt vor dir. Oder ein geöffnetes Dokument auf deinem Bildschirm. Du weißt, dass du beginnen möchtest. Aber du weißt nicht, womit.
Also wartest du auf den richtigen Gedanken, den richtigen Satz oder den richtigen Anfang. Und während du wartest, wird das leere Blatt immer größer. Irgendwann wirkt es fast einschüchternd. Dabei hat es nichts getan. Es wartet einfach nur auf dein erstes Wort. Heute würde ich meinem damaligen Ich gerne etwas zuflüstern. Ganz leise:
„Du musst nicht mit dem ersten Kapitel beginnen.“
Denn wer hat eigentlich entschieden, dass Geschichten chronologisch erzählt werden müssen? Unser Leben verläuft schließlich auch nicht in Kapiteln. Erinnerungen tauchen selten der Reihe nach auf. Sie kommen plötzlich in Form eines Geruchs, eines Liedes, eines Fotos. Oder jemand Sagt einen Satz, den schon eine andere Person in einer anderen Zeit sagte. Oder es ist ein bestimmter Ort, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Und mit einem Mal ist ein längst vergangener Moment wieder da. Genau so beginnt autobiografisches Schreiben oft. Nicht mit dem ersten Kapitel. Es ist die Erinnerung, die sich zeigt und sagt: „Heute bin ich dran.“
Vielleicht ist das der Anfang, also nicht unbedingt der Anfang deiner Geschichte, aber der Start deines Schreibens. Und ich verrate dir an dieser Stelle etwas: Das erste Kapitel in meinen ersten autobiografischen Roman habe ich erst ganz zum Schluss, als alles andere fertig war geschrieben. Es hat mir die Hürde des Anfangs etwas leichter gemacht.
Den ersten Satz als Einladung betrachten
Irgendwann habe ich also aufgehört, den ersten Satz als Prüfung zu betrachten und ich begann, ihn als Einladung zu sehen, meiner Geschichte zuzuhören. Das hat mein Schreiben verändert, weil ich mir erlaubte, unperfekt anzufangen. Heute weiß ich, dass der erste Satz selten der Satz ist, mit dem eine Geschichte beginnt. Er ist vielmehr die Tür, durch die wir eintreten. Und manchmal führt diese Tür an einen Ort, den wir vorher gar nicht erwartet haben.
Ich erinnere mich an viele Schreibstunden, in denen ich mit einem völlig anderen Gedanken begonnen habe als mit dem, der am Ende auf dem Papier stand. Ich wollte über ein bestimmtes Erlebnis schreiben. Und plötzlich war da eine Erinnerung, die viel früher lag: ein bestimmter Geruch, eine bekannte Stimme, ein besonderer Blick. Etwas, das ich längst vergessen glaubte.
Hätte ich stur an meinem ursprünglichen Plan festgehalten, wäre diese Erinnerung vielleicht nie aufgetaucht. Deshalb vertraue ich dem Schreiben heute, es weiß oft mehr als ich. Das klingt im ersten Moment vielleicht ungewöhnlich. Doch wenn wir autobiografisch schreiben, arbeiten wir nicht nur mit unserem Verstand.
Wir arbeiten mit Erinnerungen.
Und diese folgen selten einer geraden Linie.
Sie bewegen sich, verbinden sich, überraschen uns. Manchmal führt uns ein Satz zurück in die Kindheit, ein anderes Mal genügt ein einziges Wort, und plötzlich steht eine längst vergessene Szene wieder lebendig vor uns.
Genau deshalb ermutige ich die Frauen, die ich begleite, immer wieder dazu, den ersten Impuls ernst zu nehmen. Nicht zu fragen: „Ist das schon das richtige Kapitel?“ Aber vielleicht so: „Warum zeigt sich diese Erinnerung gerade jetzt?“ Oft liegt darin eine Antwort, die wir vorher noch gar nicht kannten.
Jede Erinnerung ist ein Stein
Viele glauben, autobiografisches Schreiben bedeute, das eigene Leben chronologisch aufzuschreiben. Von der Geburt bis heute. Ich sehe das anders. Für mich ähnelt eine Lebensgeschichte eher einem Mosaik. Jede Erinnerung ist ein Stein und für sich allein betrachtet wirkt er vielleicht unscheinbar. Doch nach und nach entsteht ein Bild. Das bedarf keiner richtigen Reihenfolge vorab, ist aber natürlich auch eine Möglichkeit. Für mich hat es als hilfreich gezeigt, wenn ich zunächst das aufschreibe, was mir in den Sinn kommt und dann beginne, die einzelnen Teile miteinander zu verbinden.
Das nimmt unglaublich viel Druck heraus. Du musst nicht wissen, wie dein Buch einmal aufgebaut sein wird. Du musst heute nur wissen, welche Erinnerung gerade an deine Tür klopft. Vielleicht ist es der erste Schultag, der Duft eines Kuchens in der Küche deiner Großmutter, ein Satz, den jemand vor vielen Jahren zu dir gesagt hat oder vielleicht auch ein Moment, der dein Leben verändert hat.
Du musst deine Geschichte nicht suchen
Vertraue darauf. Erinnerungen drängen sich nicht ohne Grund in den Vordergrund. Sie möchten gesehen werden. Und vielleicht möchten sie genau jetzt aufgeschrieben werden, nicht perfekt und vollständig gleich im ersten Anlauf, aber ehrlich. Denn das Schönste am autobiografischen Schreiben ist für mich bis heute: Du musst deine Geschichte nicht suchen. Sie findet dich.
Vielleicht ist das die größte Erleichterung, die ich dir heute mitgeben kann:
„Du musst den Anfang deiner Geschichte nicht kennen. Du musst ihn auch nicht suchen. Du darfst ihm begegnen.“
Als ich begann zu schreiben, dachte ich oft, ich müsste mein Leben erst vollständig überblicken, bevor ich den ersten Satz wagen dürfte. Heute weiß ich, dass genau das unmöglich ist. Unser Leben erschließt sich nicht auf einmal. Es zeigt sich Stück für Stück. So wie Erinnerungen, die in den meisten Fällen nicht geordnet ankommen. Sie kommen dann, wenn sie bereit sind.
Manchmal begegnet dir eine Szene immer wieder. Du denkst beim Autofahren an sie, beim Spaziergang oder plötzlich, während du den Frühstückstisch abräumst. Vielleicht glaubst du zunächst, das sei Zufall. Ich glaube das nicht.
Ich glaube, Erinnerungen haben ihre eigene leise Art, sich bemerkbar zu machen. Und wenn wir ihnen zuhören, zeigen sie uns oft den nächsten Schritt. Nicht den ganzen Weg, aber den nächsten Schritt. Deshalb möchte ich dir den Druck nehmen, den perfekten ersten Satz finden zu müssen. Vielleicht wird er später gar nicht im fertigen Buch stehen.
Das Einzige, was ein erster Satz können muss
Vielleicht wird dein erster Satz gelöscht oder du ersetzt ihn irgendwann durch einen ganz anderen. Und weißt du was? Das ist vollkommen in Ordnung. Denn seine wichtigste Aufgabe hat er längst erfüllt. Er hat dich ins Schreiben gebracht. Das ist alles, was ein erster Satz können muss. Er hat dir die Tür zum Schreiben geöffnet.
Ich erlebe immer wieder, wie Frauen erleichtert aufatmen, wenn sie das verstehen. Plötzlich verändert sich etwas. Das leere Blatt ist nicht länger ein Gegner und wird wird zu einem Ort der Begegnung. Mit Erinnerungen, mit Gedanken, mit Fragen, mit der eigenen Geschichte. Und genau dort beginnt etwas Wunderschönes.
Nicht nur ein Manuskript, sondern eine neue Beziehung zu dir selbst. Denn während du schreibst, lernst du dein Leben oft noch einmal neu kennen und erkennst Zusammenhänge. Du begegnest der Frau, die du einmal warst, mit mehr Mitgefühl. Und manchmal schreibst du einen Satz auf, bei dem du plötzlich innehältst und denkst: „So habe ich das noch nie gesehen.“
Für mich sind das die kostbarsten Momente des autobiografischen Schreibens, weil sie wahr sind und nicht perfekt.
Für deine Schreib- und Geschichtenzeit:
Wenn du heute Lust hast zu schreiben, dann suche nicht nach dem ersten Kapitel.
Suche nach einer Erinnerung: Vielleicht ist es ein Geruch, ein Lied, ein Ort, ein Gegenstand oder ein Satz, den du nie vergessen hast.
Schreibe einfach auf, was auftaucht.
Ohne Reihenfolge, ohne Bewertung und ohne den Anspruch, dass daraus sofort ein Kapitel entstehen muss. Vertraue darauf, dass deine Geschichte ihren eigenen Weg kennt.
Wenn du dir wünschst, auf diesem Weg eine Begleiterin an deiner Seite zu haben, die den Raum hält, Fragen stellt und gemeinsam mit dir die einzelnen Erinnerungen zu einem stimmigen Ganzen verbindet, begleite ich dich gerne.
In meiner achtwöchigen Einzelbegleitung geht es nicht darum, möglichst schnell viele Seiten zu schreiben. Es geht darum, deiner Geschichte den Raum zu geben, den sie verdient, in deinem Tempo und mit dem Vertrauen, dass sich zeigen darf, was gerade gesehen werden möchte.
Wenn du spürst, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist und du diesen Weg nicht allein gehen möchtest, begleite ich dich gerne.
In meiner achtwöchigen Einzelbegleitung entsteht ein geschützter Raum, in dem deine Geschichte ihren Platz finden darf – ohne Zeitdruck, ohne Erwartungen und in deinem ganz eigenen Tempo.
Denn ich bin überzeugt:
„Jede Geschichte beginnt lange, bevor das erste Wort geschrieben wird.“
Und manchmal beginnt sie mit der Erkenntnis, dass der erste Satz gar nicht perfekt sein muss.
Er muss dich nur nach Hause führen.
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