Wenn ich der Manuela von damals heute begegnen könnte, würde ich sie wahrscheinlich zuerst einfach in den Arm nehmen. Sie hatte nichts falsch gemacht, als sie damals dachte, sie müsse alles allein schaffen.
Ich würde sie ansehen und sagen:
- „Du darfst dir Zeit lassen.“
- „Du musst nicht sofort wissen, wie dein Buch einmal aussehen wird.“
- „Und du musst heute noch nicht den perfekten ersten Satz schreiben.“
Ich glaube, sie würde mich erstaunt anschauen.
Vielleicht würde sie fragen: „Woher weißt du das alles?“
Und ich würde lächeln, denn inzwischen bin ich diesen Weg bis zu Ende gegangen und erinnere mich noch ganz genau an diese Zeit.
Ich weiß heute, wie viele Zweifel dazugehören, wie viele unbeantwortete Fragen im Raum stehen und wie viele Tage vergehen, an denen nichts geschrieben wird. Und ich weiß auch, wie wunderschön es sich anfühlt, wenn eine Geschichte langsam ihren Platz findet. Damals glaubte ich, ich müsste stark sein.
Heute weiß ich:
Ich musste nur beginnen und immer wieder zurückkehren. Und wenn ich ihr noch etwas sagen dürfte, dann wahrscheinlich diesen Satz:
Vertraue deiner Geschichte.
Sie kennt den Weg besser, als du glaubst, denn sie möchte nicht perfekt erzählt werden. Sie möchte ehrlich erzählt werden und Ehrlichkeit braucht keinen perfekten Plan. Sie braucht nur einen Menschen, der bereit ist zuzuhören. Vielleicht hätte die jüngere Manuela damals gelächelt und mir nicht geglaubt. Das wäre für mich in Ordnung gewesen, denn manche Sätze verstehen wir erst viele Jahre später.
Manchmal frage ich mich, wie mein eigener Schreibweg verlaufen wäre, wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß.
- Hätte ich mir vielleicht weniger Druck gemacht?
- manche Pause freundlicher angenommen?
- Oder hätte ich sogar früher verstanden, dass Erinnerungen ihre eigene Zeit brauchen?
- Vielleicht hätte ich mich auch einfach so manches Mal weniger allein gefühlt.
Denn Schreiben ist oft etwas sehr Stilles
Von außen sieht keiner, was in uns geschieht. Niemand sieht die Erinnerungen, die auftauchen, die Fragen, die plötzlich da sind. Die Freude über einen Satz, der sich endlich richtig anfühlt. Oder die Tränen, die manchmal ganz unerwartet kommen.
All das geschieht oft im Verborgenen und vielleicht ist genau deshalb ein geschützter Raum so wertvoll. Nicht, weil jemand deine Geschichte besser kennt als du. Das kann niemand. Aber es ist jemand da, der versteht, was auf diesem Weg geschieht.
Jemand, der nicht drängt, nicht bewertet, nicht vorgibt, wie deine Geschichte aussehen muss. Er ist einfach da.
Heute weiß ich,
dass genau das der Raum ist, den ich selbst damals gebraucht hätte.
Ein Raum,
- in dem ich nicht erklären muss, warum mich eine Erinnerung gerade nicht loslässt.
- in dem auch eine längere Schreibpause dazugehören darf.
- in dem Freude genauso willkommen ist wie Unsicherheit.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich Frauen heute so begleite, wie ich es tue.
Ich habe ganz sicher nicht alle Antworten auf alles, aber ich weiß, wie wohltuend es ist, wenn jemand den Raum hält. Ich habe auf meinem eigenen Weg erfahren, wie viel Vertrauen entstehen kann, wenn Schreiben nicht bewertet wird. Wenn jemand fragt: „Wie geht es deiner Geschichte heute?“ und nicht: „Wie viele Seiten hast du geschafft?“
Wie geht es deiner Geschichte heute?
Ich mag diese Frage sehr, weil sie den Blick verändert und sich auf Beziehung richtet, nicht auf Leistung. Und genau dort beginnt für mich Begleitung, im Dasein. Vielleicht ist das das Schönste, was ich Frauen mitgeben kann. Das Vertrauen zu bekommen, dass ihre Geschichte ihren eigenen Weg kennt und dass sie diesen Weg nicht unbedingt allein gehen müssen.
Wenn ich heute an die schreibende Manuela von damals denke, wünsche ich ihr vor allem eines: Dass sie sich selbst ein wenig mehr vertraut und auch dem Weg, obwohl sie ihn noch nicht kennt. Denn genau das ist Schreiben.
Wir gehen los, ohne zu wissen, wohin uns die Geschichte führen wird. Wir glauben oft, wir würden Erinnerungen sammeln, dabei sammeln wir etwas ganz anderes. Vertrauen.
Mit jedem Satz wächst nicht nur unser Manuskript
Es wächst auch die Beziehung zu unserer eigenen Geschichte. Vielleicht ist das das größte Geschenk, das autobiografisches Schreiben bereithält. Kein fertiges Buch, aber der Weg dorthin wird möglich, sobald wir beginnen, unser Leben mit anderen Augen zu sehen. Mit mehr Milde, mehr Verständnis und manchmal sogar mit einer Dankbarkeit, die wir vorher nicht kannten.
Wenn ich heute zurückblicke, bin ich dankbar, dass ich meiner Geschichte irgendwann zugehört habe. Es ist ein Manuskript daraus entstanden, ja, das war für mich schon mal etwas ganz Großes. Doch viel bedeutender aus meiner heutigen Sicht ist, dass ich dadurch der Frau begegnet bin, die ich heute bin.
Und vielleicht wünsche ich mir genau das auch für dich. Dass du den Mut findest, deiner Geschichte zuzuhören, in deinem Tempo, mit deinen Erinnerungen und mit allem, was zu deinem Leben gehört. Denn deine Geschichte muss niemandem beweisen, dass sie wichtig ist. Sie trägt ihren Wert bereits in sich, einfach, weil sie deine Geschichte ist.
Vielleicht beginnt genau hier etwas Neues und nicht erst mit dem Schreiben. Vielleicht entscheidest du dich, deiner Geschichte den Platz zu geben, den sie sich vielleicht schon lange wünscht.
Und wenn du auf diesem Weg spürst, dass du ihn nicht allein gehen möchtest, dann freue ich mich, dich ein Stück begleiten zu dürfen. Ich werde dir nicht sagen, wie du deine Geschichte zu erzählen hast, aber ich werde da sein und den geschützten Raum halten, während deine Geschichte wächst, so, wie sie wachsen möchte.
In ihrem Tempo, mit ihrer eigenen Sprache und mit dem Vertrauen, dass alles da sein darf. Die Freude, die Fragen, die Erinnerungen, die Pausen.
Und die leisen Momente, in denen du plötzlich spürst: Jetzt ist der richtige Augenblick, weiterzuschreiben.
Für deine Schreib- und Geschichtenzeit
Bevor du diesen Artikel schließt, möchte ich dich zu einer kleinen Pause einladen.
- Lege eine Hand auf dein Notizbuch.
- Oder auf das leere Blatt Papier, das vielleicht schon eine Weile auf dich wartet.
- Und frage dich:
„Welchen Platz möchte ich meiner Geschichte in meinem Leben schenken?“
Vielleicht genügt diese eine Frage und es beginnt hier genau dein erster Schritt. Oder dein nächster. Beides ist willkommen.
Wenn unsere Wege sich eines Tages kreuzen und ich dich ein Stück auf deinem Schreibweg begleiten darf, freue ich mich von Herzen.
Bis dahin wünsche ich dir vor allem eines: Dass du deiner Geschichte immer wieder zuhörst.
Denn ich glaube von Herzen:
Jede Geschichte beginnt lange, bevor das erste Wort geschrieben wird.
Und sie wächst dort, wo sie einen geschützten Raum findet.
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